Franzis erster weltwärts-Bericht

vom 4. November 2011

ripoti y kwanza baada ya miezi mitatu


Wie die Überschift schon besagt (Wer auch immer sie versteht =)) kommt hier mein erster „Weltwärtsbericht“ nach drei Monaten in Tansania.

Morgen sind es exakt auf den Tag drei Monate, die ich hier bin. Daher mal ein längerer Bericht, der auch an das Weltwertsbüro geht. Einige Eindrücke von den letzten Monaten habe ich zusammen gefasst.


Es ist kaum zu glauben, dass jetzt schon ein Viertel meiner Zeit hier in Tansania vergangen sein soll. Die Zeit vergeht unglaublich schnell, es passiert so viel jeden Tag. Langeweile gibt es nicht, da es immer etwas zu tun, zu sehen, zu erleben oder zu lernen gibt. So langsam merke ich, dass sich das Chaos in meinem Kopf entwirrt. Ich sehe die Dinge und Menschen nicht nur, sondern ich fange teilweise auch an sie zu verstehen. So wild und chaotisch, wie es mir anfangs vorkam, ist es hier nicht. In wie fern sich das jetzt entwirrt hat (oder auch noch nicht), was ich hier jeden Tag erlebe, sehe und lerne möchte ich in diesem Bericht – soweit es mir möglich ist – schildern.

 

Die ersten Tage schaute ich mich nur staunend um und sah Menschen wild durch die Gegend laufend und schreiend aber stehst freundlich und fröhlich, bunte Stoffe und Früchte, volle Straßen, jede Menge Lärm, Müll und Steine auf dem Weg. Es kam mir vor, als müsste ich die ganze Zeit auf dem Boden sehen um nicht zu stolpern. Ich hatte das Gefühl, gar nicht zu sehen, wo ich hinlaufe, wo ich bin und was es hier zu sehen gibt. Ich war vollkommen überwältigt, hatte dauerhaft gute Laune und mich über die ganzen Neuigkeiten gefreut. Langsam habe ich mich an die Zustände hier gewöhnt. Es ist wie mit den Straßen. Ich kann jetzt während dem Laufen auch wo anders hinsehen als auf den Boden. Es ist mit allen Dingen so: Erst wenn ich mich an eine Sache gewöhnt oder sie verstanden habe, fällt mir etwas ganz anderes auf, woran ich zwar schon jeden Tag vorbeilaufe bisher aber noch nie darüber nachgedacht habe, weil ich doch zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt war und es einfach nicht bemerkt habe. Jetzt wo ich nicht mehr vollständig mit mir selbst beschäftigt bin kann ich die Leute um mich herum auch etwas besser verstehen.

 

Genauso ist es mit der Sprache. Anfangs ein Gewirr aus Lauten, mittlerweile verstehe ich doch ganz gut was gesagt wird oder zumindest kann ich die einzelnen Wörter auseinanderhalten. Es kommt ganz darauf an, wem ich zuhöre. Die Stimmen der Leute kommen mir schon sehr vertraut vor, auch wenn ich sie nicht unbedingt verstehe. Recht schnell kann man selbst ausdrücken, was man haben möchte oder Fragen stellen aber erst jetzt verstehe ich auch meistens die Antwort. Ich fange an kleine Gespräche zu führen und erfahre ganz andere interessante Dinge. Erst seit kurzem kann ich mich mit meinen Kollegen unterhalten und erfahre auch etwas über sie selbst, wie sie leben, was sie denken, täglich machen und gerne mögen. Es macht mir Spaß Kiswahili zu lernen und mich mit den Leuten hier zu unterhalten und sie scheinen sich auch gerne mit mir zu unterhalten. Die meisten geben sich viel Mühe mir Wörter zu erklären, die ich nicht verstehe.

 

Oft werde ich von wildfremden Leuten angesprochen, was wohl daran liegt, dass sie sich besonders toll vorkommen, wenn sie sich mit einer „Mzungu“, also einer Weißen, unterhalten. Es ist manchmal ganz schön anstrengend, von allen Seiten (oft auf Englisch) begrüßt zu werden oder „Mzungu“ hinterhergebrüllt zu bekommen. Ich weiß nicht, warum sie das machen. Sonderlich höflich können ja selbst sie, die mir das hinterherrufen nicht finden. (Lieber ist es mir da, wenn sie meinen Namen rufen, was mittlerweile auch immer öfter vorkommt. Ich bin bekannt hier!) Wenn ich auf meinem kurzen Arbeitsweg alle Leute begrüßen würde, die mich zu sich rufen, würde ich bis zum TSE bestimmt eine Stunde brauchen (Reiner Laufweg sind ca. 10 Minuten). Ich wurde manchmal sogar schon zu den Leuten nach Hause eingeladen. Auf meinem Arbeitsweg ist mir das auch schon zweimal passiert, dass ich dann plötzlich in einem Schlafzimmer auf dem Bett saß und derjenige der mich eingeladen hatte mir eine Soda kaufen wollte oder mir Essen kochen. Die Einladung habe ich dann auf den Abend verschoben, bin aber trotzdem etwas spät zur Arbeit erschienen.

 

Solche Termine kommen meistens plötzlich (wie auch die Feiertage). Zum Beispiel spiele ich seit heute in einem Bongo-Film mit. Die Freundin von einem früheren Freiwilligen ist Schauspielerin. Für ihren Film brauchte sie noch Weiße. Groß gefragt wurde ich nicht aber da ich die Idee lustig fand, wollte ich mir das mal ansehen. Ich weiß bis jetzt noch nicht, worum es in dem Film gehen soll, auf jeden Fall wurde ich heute von einem Vampir umgebracht. Diese Bongo-Filme (Filme aus Dar es Salaam „Bongo-Town“, wie es umgangssprachlich genannt wird) werden alle innerhalb kürzester Zeit produziert und sind auch dementsprechend schlecht. Es geht den Produzenten nur darum etwas Geld zubekommen, sonst um gar nichts. Oft habe ich das Gefühl es ist hier immer nur das Geld, das die Leute zum Arbeiten motiviert. Allen scheint die Arbeit lästig zu sein. Man arbeitet bis man genug Geld hat und nicht mehr, wenn es nicht unbedingt sein muss. So pauschal kann man es nicht sagen aber in diesem Fall trifft es zu. Ich glaube niemand hat ein Drehbuch geschrieben bzw. weiß um was es genau gehen soll. Es kam mir vor, als würden heute irgendwelche Leute eingeladen, ohne diesen vorher genau zu erklären um was es geht und dann ohne Requisiten oder Kostüme wurde einfach wild drauflos gedreht. Die Kleidung könnte man ja hinterher am Computer verändern, hieß es. Außerdem könnte man den Lärm der Kirche, die direkt daneben ist ausblenden. Der Film hat keinen anderen Zweck als den, dass die Produzenten etwas Geld damit verdienen. Die Schauspielerin selbst meinte, sie sehe sich solche Filme nicht an, weil sie schlicht und einfach schlecht sind. Meinen Spaß hatte ich trotzdem dabei, mal sehen, was letztendlich dabei rauskommt.

 

Jetzt zum TSE (Talent Search and Empowerment), meinem Projekt. Es ist eine Art Jugendhaus, das Kinder zwischen einem und 20 Jahren besuchen und einige Erwachsene, die im Umgang mit dem Computer unterrichtet werden. Für die Kinder sind alle Angebote kostenlos, es muss nur ein Formular ausgefüllt werden, die Compuerschüler zahlen eine Unterrichtsgebühr.

 

Als ich meinen Arbeitsplatz das erste Mal gesehen habe, war ich etwas überrascht, dass er nur aus einem Gebäude mit zwei kleinen Räumen besteht, dem Computerraum und dem Office, und einem staubigen Hinterhof (mit jeder Menge Müll und Glasscherben auf dem Boden) und einem Auto auf dem die Kinder rumklettern und die Luft aus den Reifen lassen. In jenem Hof läuft das meiste Programm ab.

 

Meine Kollegen sind alle kaum älter als ich, bis auf Madam Haika die Sekretärin und Computerleherin. Die anderen „Teachers“ unterrichten Trommeln, Hiphop, Theater, Tanz und Fußball. Ich selbst bin mit der Idee hergekommen, ich könnte Turntraining machen. Wozu es bisher allerdings noch nicht wirklich gekommen ist. Eigentlich habe ich den Freitag als Trainingszeit dafür bekommen aber jetzt war die letzten Wochen ein Theaterprojekt und in der Woche davor war (plötzlich) ein Feiertag. Das Programm findet (bis auf den Computerunterricht) erst am Nachmittag statt, da es vormittags zu heiß ist und nur wenige Kinder da sind. Ich bin den ganzen Tag über da, d.h. ich fange zwischen 8 und 9 Uhr an und schließe um 18 Uhr abends das Office ab.

 

Im Moment bin ich Mädchen für alles. Anfangs hatte ich gar keine Aufgabe, saß öfters hinten im Hof um zuzuschauen oder habe mich einfach nur mit den anderen Lehrern unterhalten. Jetzt helfe ich Haika mit dem Computerunterricht, vorausgesetzt es gibt Strom. (Kürzlich gab es keinen, da habe ich dann, nachdem die Kinder keine Lust mehr hatten, mit den Erwachsenen, die nicht am Computer arbeiten konnten, Kindergartenspiele gespielt. Irgendwie scheint man hier nicht richtig erwachsen zu werden, habe ich manchmal das Gefühl.) Ansonsten flechte ich mit den Kindern Armbänder, putze das Office (Unglaublich woher jeden Tag so viel Dreck her kommt!), male Bilder bzw. beaufsichtige die Kinder dabei, die meistens auf Dumme Ideen kommen. Ungeschickterweise kamen aus dem Container aus Deutschland Wasserfarbkästen und ein Buch mit Bildern von geschminkten Kindern. Daher war es ein hartes Stück Arbeit den Kleinen beizubringen, dass sie gefälligst auf dem Papier malen sollen und nicht im Gesicht der anderen Kinder.

 

Sonst halte ich Kinder an der Hand beim auf der Slackline laufen, hohle Spenden am anderen Ende von Dar es Salaam ab, rechne mit irgendwelche Geldangelegenheiten, tippe Formulare auf den Computer ab für Leute, die diese digital brauchen oder eine veränderte Kopie, übersetze die Reports der Lehrer auf Englisch und schicke sie nach Deutschland, helfe den monatlichen Strandausflug zu organisieren, verkaufe Getränke, schliche Streit, unterrichte Rechnen, Deutsch, Zählen und Schreiben (wobei das kein Unterricht ist, sondern immer nur mit ein oder zwei Kindern und oft sehr zusammenhangslos). Mit Irgendetwas bin ich immer beschäftigt. Oft werde ich von einer Aufgabe zur nächsten geschickt, oft auch unterbrochen. Es läuft doch alles immer recht unkoordiniert ab und die Kinder sind oft nicht bei der Sache. Wenn ich kurz etwas anderes mache laufen sie zwischendrin weg und fangen etwas anderes an obwohl sie vorher begeistert dabei waren. Ansonsten kehre ich öfters den Hof, wenn das niemand machen will, lasse mir Gitarre beibringen, gehe mit Kleinkindern aufs Klo, suche Stifte, räume auf und so weiter.

 

Es wird mir hier ziemlich viel zugetraut und ich habe einiges an Verantwortung. Anfangs war mir das nicht so klar. Ich dachte, hier sei zwar alles chaotisch aber irgendwie geht nichts schief oder wenn dann nur Kleinigkeiten. Ich habe mich auch nicht verantwortlich gefühlt, wie sollte ich denn für alles Verantwortlich sein, wo ich doch gerade frisch aus der Schule komme und eigentlich von nichts hier Ahnung habe? Die Leute hier verlassen sich aber auf mich. Meine Aufgabe ist es Spenden vom früheren Dogodogo-Center, einem Waisenhaus, das geschlossen wurde, die jetzt ans TSE gehen zu verwalten. Wenn da irgendetwas schief läuft bin tatsächlich ich verantwortlich. Aber alle scheinen mir zu vertrauen.

 

Irgendwie finde ich es nicht gut, dass ich als Weiße mich um die ganzen Geldangelegenheiten kümmern soll. Irgendwas stimmt da doch nicht, wenn sich eine Ausländerin um die Finanzen kümmert, weil nur ihr vertraut wird. Das ist erstens so ein Klischee, dass der Weiße Geld bringt und für ehrlich gehalten wird und zweitens wäre es ja besser, wenn die Leute hier vor Ort das selbst hinbekommen könnten. Immerhin werden die Lehrergehälter von „Kawaida“ jetzt auf das Konto vom TSE-Chef überwiesen und ich bezahle wenigstens nicht mehr direkt an die Leute.

 

Auf jeden Fall bin ich jeden Abend ziemlich müde und freue mich, meine Ruhe zu haben, auch wenn das häufig nicht garantiert ist. Oft kommen Leute bei uns zuhause vorbei, einfach um uns zu grüßen. Hier ist es nicht üblich Privatsphäre zu haben. Die Menschen leben alle zusammen. Das meiste spielt sich auf der Straße ab, im Haus ist man selten. Es kommt mir ein bisschen vor wie auf einem Campingplatz, wo man vor seinem Zelt steht und die Zähne putzt. Alleine zu sein scheint für die meisten sehr unangenehm zu sein. Das Wort für „alleine“ wurde mir gleichzeitig mit dem Wort für „Einsamkeit“ und „Trauer“ beigebracht. Eigentlich gefällt es mir immer unter Leuten zu sein, trotzdem freue ich mich jetzt seit zwei Nächten wieder alleine in meinem Bett zu schlafen.

 

Alles in allem fühle ich mich hier richtig wohl und will gar nicht, dass die Zeit so schnell vergeht, wie sie das gerade tut. Zwar ist es manchmal etwas anstrengend aber das ist richtig so. Ich habe jede Menge zu tun, vielleicht manchmal etwas zu viel, manchmal bin ich überfordert aber besser, als wenn ich nicht wüsste, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. So jetzt habe ich zwar viel berichtet aber doch noch lange nicht alles gesagt, was es zu sagen gibt.

 

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