Romys Bericht

Romy war 2008/09 von Kawaida e.V. entsandte weltwärts-Freiwillige in der Mtoni Maalum School. 

Nach fast vier Monaten wird es nun immer schwieriger zusammenfassend Eindrücke darzustellen. Einerseits wird alles um mich herum immer mehr Alltag, wodurch ich oft weniger aufmerksam durch die Straßen gehe und somit Neues gar nicht mehr so reflektiert wahrnehme wie am Anfang. Manchmal muss ich mir selber sagen, die Augen zu öffnen und klar zu kriegen, dass ich tatsächlich in Tansania bin. Andererseits wird mir dann manchmal ganz plötzlich bewusst, wie viel ich eigentlich schon erlebt habe.
Es gibt Momente, in denen ich das Gefühl habe schon ewig ein Teil dieser Stadt zu sein und völlig dazu zugehören. Und dann wiederum gibt es Situationen, in denen ich mir unglaublich fremd und verloren vorkomme. Und das, obwohl man in Dar eigentlich so gut wie nie allein ist. Das Gefühl, dass ich aus Deutschland kenne, sich auch in einer großen Stadt anonym fühlen zu können, wenn man es braucht, erscheint mir hier unmöglich. Das kann schon mal ziemlich anstrengend sein. Immerzu angesprochen zu werden und als Weißer auch immer ein Blickfang zu sein. Doch dem entgegen wirkt ein unglaublich positives Lebensgefühl auf den Straßen. Die Menschen begegnen sich offen und freundlich, man grüßt sich und es wird überall geplaudert und viel gelacht. Trotz der Armut, die einem aus vielen Teilen der Stadt entgegenspringt habe ich das Gefühl, die Menschen gehen hier viel leichter, viel weniger verkrampft und verbissen durch die Straßen als in Deutschland. Obwohl die Menschen hier so unglaublich viel zu tragen haben und sich ihr Alltag viel mehr ums Überleben dreht, als ich mir das vorstellen kann, strahlen sie eine Energie und Lebensfreude aus, die sich durch die ganze Stadt zieht.
Oft genug gibt es aber auch Tage, an denen ich mich dem ganzen Trubel einfach nur entziehen möchte. Und dann bin ich froh, dass wir die Wohnung so ganz für uns allein haben. Ein eigenes Zimmer, um mal die Tür zu zumachen, ne große Küche, in der alles möglich ist, wenn man einfach keinen Bock mehr auf Ugali und Reis und Bohnen hat. Es ist auch gut, nicht zu eng mit der Familie zusammen zu wohnen. So sind wir unabhängig, können unsere Zeit völlig allein bestimmen. Trotzdem wissen wir, dass immer jemand da ist, falls man mal Hilfe braucht.
Zu meiner Arbeit an der Mtoni-Schule fahre ich mit dem Bus manchmal bis zu einer Stunde. Das kommt immer darauf an, wie der Verkehr ist. Morgens habe ich das Glück, dass ich mit unserer Gastmutter mit dem Auto mitfahren kann, da sie als Lehrerin in der Schule arbeitet. Wenn wir um 8 dort ankommen, sind die Matrons manchmal noch dabei den Kindern die Haare zu kämmen und sie einzucremen. Meistens werde ich sofort stürmisch von ein paar Kindern begrüßt. Sie hängen sich dann sofort an meine Versen, wollen meine volle Aufmerksamkeit und streiten sich auch darum, wer denn nun an meine Hand darf. Bevor um halb 9 der Unterricht losgeht, gibt es auf dem Hof noch eine morgendliche Zusammenkunft. Die Kinder müssen sich in Reihen aufstellen und die Nationalhymne singen, was manchmal in fast militärischem Elan oder aber auch in träger Müdigkeit geschieht; je nachdem wie der ganze Haufen so drauf ist. Um sie ein bisschen aufzuwecken und sie auf den Unterricht einzustellen, werden den Kindern verschiedene Fragen gestellt (welcher Tag ist heute, was haben wir gestern gemacht, etc.) oder kleinere Sportübungen gemacht. Dann geht es ab in die Klassen, was leider manchmal etwas dauern kann, da die Lehrer sich mit ihrer Anwesenheit auch mal gerne etwas mehr Zeit lassen. In einer Klasse sind zwischen 8 und 10 Schüler. Die Kinder sind nicht nach Alter, sondern nach ihrem Grad der Behinderung auf die Klassen verteilt. Jede Klasse hat ihrem eigenen Stundenplan (ein Block von morgens bis zum Chai/Frühstück, der zweite bis zum Mittag). Die Unterrichtsthemen in den Klassen variieren sehr stark. In allen jedoch geht es zum größten Teil darum, Alltags- und Routinehandlungen zu festigen, um die Kinder so selbständig wie möglich zu machen. Das fängt an beim Toilettengang über die
Gartenarbeit bis zum Abwaschen. Bei den etwas fitteren Kindern gibt es dann auch Unterricht wie Mathe und Swahili, meistens jedoch geht es darum, Dinge zu benennen, Vorgänge zu erklären, das Bewusstsein für die Gemeinschaft durch Gruppenübungen zu stärken. Zu den Fächern Gartenarbeit, Singen, Religion und Sport werden mehrmals die Woche alle Klassen zusammengelegt. Und am Freitag fährt ein kleine Gruppe von Kindern mit dem Jeep in ein Stadion um dort gemeinsam mit anderen Behindertenschulen Sport zu machen.
Im Moment bin ich noch dabei, zwischen den Klassen zu wechseln um mich dann zum Ende des Jahres für eine zu entscheiden, in der ich dann bleiben werde. Im Unterricht gehe ich meistens von Kind zu Kind und helfe ihnen mit den Aufgaben, die der Lehrer gestellt hat. Oft bleibe ich auch die ganze Stunde mit einem Kind, da ich mich so mehr auf seine individuellen Fähigkeiten konzentrieren und ihm mehr Aufmerksamkeit schenken kann. In den Pausen helfe ich oft in der Küche beim Tee ausschenken, Brote schmieren oder Essen verteilen. Da die Kinder im Unterreicht unglaublich viel Aufmerksamkeit brauchen bin ich danach schon mal ganz schön fertig und bin froh wo anders helfen zu können um den Kopf ein bisschen frei zu bekommen.
Nach dem Essen (es gibt abwechselnd Reis und Ugali und dazu entweder Bohnen oder Fleisch mit Spinat) ist für eine Stunde Mittagsschlaf, weshalb ich zu der Zeit der Schule für gewöhnlich den Rücken kehre. Manchmal werden am Nachmittag noch für eine Stunde Kunst angeboten, wodurch ich auch mal länger bleibe.
Zurück geht’s mit dem Dala (die Busse in Dar es Salaam). Meistens in brühender Mittagshitze und im Stehen eingequetscht zwischen klebrigen Leibern, oft alle Blicke auf sich gerichtet. Doch dann gibt es auch Tage, an denen ich Glück habe: der Bus ist leer, ich sitze am Fenster, der Fahrtwind weht mir ins Gesicht, der Fahrer hat irgendein Reggeatape bis zum Anschlag aufgedreht, die Stadt zieht an mir vorbei und ich bin einfach nur da. Dieses Gefühl, mit den Gedanken genau da zu sein, wo ich mich gerade befinde, durch nichts gestresst einfach nur den Augenblick genießen, gehört für mich auch nach Afrika. Ganz oft noch stoße ich mit dem afrikanischen Zeitverständnis an meine Grenzen. Dann gehen mir Sachen zu langsam, irgendwer verspätet sich mal wieder und ich muss warten, oder ich habe das Gefühl, dass alle um mich herum nur rumsitzen und total faul sind. Doch immer mehr merke ich auch, wie ich etwas von dieser Gelassenheit übernehme und mich damit unendlich befriedigt und frei fühle. Einfach mal stehen bleiben und alles um sich herum aufnehmen.
Wenn ich an der großen Busstation bei uns um die Ecke ankomme, ist es auf jeden Fall Zeit für einen Kaffee (Bauch voll Reis fühlt sich in Mittagshitze gar nicht so geil an!). Über all in Dar tauchen um den Nachmittag herum Männer auf, die in kleinen Espressotassen Kaffee und Katshata (ein Nuss-Karamell-Gebäck) verkaufen. Da fühle ich mich dann immer wie in einer kleinen Oase, inmitten von Bussen, Massen von Menschen, Staub und Lärm. Abends (dunkel wird es um halb sieben, was auch erst mal sehr gewöhnungsbedürftig ist) ist die Busstation übersäht mit Händlern, die auf dem Boden ihre Ware ausgebreitet haben: Klamotten, Schuhe, Taschen, Küchenwaren, Musik, Elektroge-räte und jede Menge zu essen. Gebratener Mais, Fisch, Fettgebäck und jede Menge Obst: Melone und Ananas schon geschnitten, Orangen, Bananen, etc. Obwohl es unglaublich voll und laut ist, ist es total geil ganz in Ruhe da lang zu schlendern, hier und dort was zu essen, die Luft ist noch warm aber schon abgekühlt von der Hitze des Tages.
In der ersten Zeit waren wir noch ziemlich unsicher bezüglich des Rausgehens im Dunkeln. Doch mittlerweile haben wir gemerkt dass bis um 10 oder 11 auf den Straßen noch total viel Betrieb ist, weshalb man einerseits noch ganz in Ruhe und vor allem sicher nach Hause laufen kann. Außerdem ist die Atmosphäre um die zeit einfach zu schön. Es scheint, als würde nach der Hitze des Tages die Energie in die Menschen zurückkehren. Für ein paar Stunden herrscht noch einmal emsiges Getriebe bis es dann doch irgendwann schlagartig verlassen und totenstill wird.

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